Krebszellen
Molekulare Attacke gegen Krebszellen
Forscher drehen Tumoren die Blutzufuhr ab, beschießen bösartige Geschwülste mit Antikörpern und wollen Krebszellen mit aufgeheizten Eisenoxidteilchen von innen verglühen. Ein ganzes Arsenal vielversprechender molekularer Methoden wird im Kampf gegen den Krebs eingesetzt, doch Erfolge lassen meist länger auf sich warten als erhofft.
Die Kunde verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Von Wundermitteln war die Rede. Wissenschaftler hatten scheinbar magische Moleküle an krebskranken Mäusen erprobt und unterschiedlichste Tumore wie Trockenobst zum Schrumpfen gebracht. "Wenn alles gut geht", wagte die renommierte "New York Times" vor zwei Jahren eine Prognose, "könnten Patienten binnen kurzem mit den neuen Mitteln behandelt werden."
Der Havard-Mediziner und wissenschaftliche Vater der Methode, Judah Folkman, hatte die ebenso einfache wie überzeugende Hypothese aufgestellt: Jeder Krebs benötigt neue Blutgefäße, um zu wuchern. Wächst das krankhafte Adergeflecht jedoch nicht, dann trocknet der Tumor aus. Bestimmte, von Folkman bei Labortieren getestete Substanzen schienen das Gefäßwachstum - die Angiogenese - tatsächlich blockieren zu können. Mit diesen Angiogenese-Hemmstoffen glaubten Ärzte nun bösartigen Geschwülsten nach Belieben den Lebensstrom abdrehen zu können.
Doch was als Sensationsgeschichte begann, hat sich als langer Weg der kleinen Schritte entpuppt. "Viele Millionen Mark sind schon in klinische Studien investiert worden, nicht immer erfolgreich", schätzt Klaus Mross von der Freiburger Klinik für Tumorbiologie. Manche der vielversprechenden Substanzen, von denen sich Pharmafirmen enorme Gewinne versprachen "sind in Tests an Patienten wegen fehlender Wirksamkeit oder gravierender Nebenwirkungen einfach auf der Strecke geblieben".
Dennoch glaubt auch Mross, der selbst an verschiedenen Studien mit Angiogenese-Hemmern beteiligt ist, dass Krebskranke in Zukunft von den Pharmaka profitieren werden. Wenn auch keine Wundermittel - wertvolle Waffen gegen den Krebs, sagt er, könnten sie abgeben.
Bereits mit guten Erfolgen im Einsatz sind indes andere Mittel der Molekularmedizin: Antikörper, die entartete Zellen im Körper aufspüren und zerstören helfen. Die Y-förmigen Eiweiße, die mit gentechnischen Methoden hergestellt werden, heften sich an die Oberfläche von Krebszellen. Dadurch setzen sie beispielsweise Kaskaden körpereigene Abwehrstoffe in Gang und locken Killerimmunzellen zum Tumorherd.
"Die Antikörper sind schonender als die Chemotherapie", betont Andreas Menrad von der Abteilung für experimentelle Onkologie der Schering AG. Der Vorteil der molekularen Präzisionsgeschosse: Sie belasten meist nicht den gesamten Körper, sondern greifen gezielt das Tumorgewebe an. Würden Antikörper beispielsweise mit einer Chemotherapie kombiniert, so Menrad, könnten die nötigen Mengen der Zellgifte reduziert werden - und damit auch ihre drastischen Nebenwirkungen, wie Erbrechen oder gefährliche Störungen der Blutbildung.
Vor allem bei bestimmten Tumoren der Lymphdrüsen - den sogenannten Non-Hodgkin-Lymphomen - scheinen sich Antikörperpräparate (Rituximab) zu bewähren. Doch auch bei Patienten mit Dickdarmkrebs zeigte beispielsweise ein Team um den Münchner Immunologen Gert Riethmüller, dass der Einsatz mit Antikörpern (Panorex) nach einer Operation die später oft auftretenden Tochtertumoren verhindern und dadurch die Lebenszeit verlängern kann. Bei manchen Frauen mit Brustkrebs läßt sich mit den Immunwaffen (Herceptin) vermeiden, dass das entartete Gewebe weiterwuchert.
Auch andere Strategien, dem Krebs mit den Mitteln des Immunsystems die Stirn zu bieten, genießen unter Forschern derzeit große Popularität. Beispielsweise entnahmen Mediziner vom Göttinger Universitätsklinikum 17 Patienten, die unter fortgeschrittenem Nierenkrebs litten, Tumorzellen und verschmolzen sie im Labor mittels kleiner Stromstöße mit Immunzellen von Spendern. Mit diesem Zellen-Mix impften sie dann die Erkrankten. Das Immunsystem der Patienten wurde durch die Vakzine stimuliert. Bei vier der 17 Betroffenen verschwanden in der Folge alle bereits vorhandenen Tochter-Tumore, bei weiteren Patienten wurden sie zumindest teilweise getilgt.
"Welche Impf-Verfahren sich in Zukunft durchsetzen werden, wissen wir noch nicht", sagt Thomas Wölfel vom Tumorvakzinationszentrum der Universität Mainz. Neben dem Zellen-Mix den die Göttinger Forscher als Impfstoff einsetzen, erprobten Mediziner beispielsweise genetisch veränderte Viren oder aufgerüstete "detritische" Zellen: Sie tragen auf ihrer Oberfläche spezielle Tumorantigene - molekulare Kennmarken, die sich auch auf Krebszellen finden. Durch die verabreichten Tumorantigene alarmiert, spüren die Immunzellen des Patienten bei ihrer Patrouille im Körper nun verstärkt Tumorherde auf - die Impfung richtet die Schlagkraft des Immunsystems gegen den Krebs.
Unklar sei jedoch noch, wie dauerhaft die Impferfolge beispielsweise bei Nieren- oder Hautkrebs anhielten, schränkt Thomas Wölfl ein. Denn umfangreichere Studien fehlten bisher. Auch seien Krebs-Immunologen von ihrem "großen Traum" noch weit entfernt - einer vorbeugenden Impfung, die vor einem Krebs wie der Impfzucker vor einer Kinderlähmung schützen würde.
Dass Immuntherapien mit Antikörpern und Vakzinen indes neue Behandlungserfolge ermöglichen, davon ist auch Bernd Dörken überzeugt, Chef der Robert-Rössle-Krebsklinik der Berliner Charité. "Oft ist unser Problem nicht, große Tumore mit den herkömmlichen Methoden zum Schrumpfen zu bringen",beschreibt Dörken. "Schwierig ist es jedoch, auch die letzten Reste zu beseitigen - die häufig für ein erneutes Krebswachstum verantwortlich sind." Die neuen Präzisionswaffen könnten einen "molekularen Feinschliff" erlauben, bei dem die grobe Masse des Tumors bereits mit dem Skalpell, einer Strahlen- oder Chemotherapie beseitigt worden sei.
Einen ganz anderen Ansatz verfolgt indes ein weiteres Team an der Charité. Die Arbeitsgruppe "Biomedizinische Nanotechnologie" um Andreas Jordan, die sich mit "nanoskopischen" Strukturen im Bereich von Millionstemillimetern beschäftigt, will Tumoren mit einem völlig neuen Verfahren verglühen. Die Wissenschaftler benutzen dazu nanoskopische Eisenoxidteilchen. Diese werden mit besonderen Zuckermolekülen umhüllt, in den Tumor gespritzt und dort mit Vorliebe von den Krebszellen gefressen. Mittels eines Magnetfeldes lässt sich dann das Eisenoxid erhitzen - im Innern des Krebs entsteht eine tödliche Glut.
Zum Jahreswechsel hofft Andreas Jordan die Methode bei Patienten mit Gehirntumoren erproben zu können. "Vielleicht erweist sich unser Verfahren als eines der ersten Beispiele wie die Nanotechnologie neue Durchbrüche in der Medizin ermöglicht", spekuliert Jordan. Bisher, sagt der Nanoforscher, sei von dem Potential der neuen Technologie nur so viel bekannt wie von einer im Wüstensand verschütteten Pyramide. Zwar habe man dessen Spitze vor kurzem gefunden. "Doch darunter verbirgt sich noch viel mehr."